Software-/KI-gestütztes Training vs. „echter“ Trainer

Bereits seit einigen Jahren gibt es diverse Apps und Online-Plattformen, welche anhand von Zielsetzung und bereits absolvierter Einheiten (adaptive) Trainingspläne erstellen. Man kann auch Chat-GPT fragen, wie man sich beispielsweise für einen Halbmarathon vorbereitet. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden, immerhin ist eine gewisse Anleitung immer noch besser als keine Anleitung zu haben.
Chat-GPT rechnet anhand der Zielzeit komfortabel das Renntempo (auch über kürzere Distanzen) aus und gibt Trainingstempobereiche an. Adaptive Systeme berechnen die zukünftigen Trainings anhand absolvierter Trainingsleistungen.
Die Vorteile ergeben sich vor allem aus den geringeren Kosten, außerdem fühlt man sich keiner realen Trainerperson gegenüber menschlich verpflichtet (wobei das ohnehin nie das hauptsächliche Kriterium sein sollte, eine Betreuung in Anspruch zu nehmen).

Wie gut das für den Einzelnen passt, hängt vor allem an dessen Eigenwissen und Zielsetzung. Programme, die praktisch bei Null weg starten und jemanden erstmal behutsam aufbauen und zum Dranbleiben motivieren klappen oft gut. Hier kann auch die Sportuhr die entscheidende Motivation wecken, um dranzubleiben.
Stolperfallen gibt es vor allem dann, wenn Sportler wenig Erfahrung mitbringen und es über den ersten Schritt des „Ins-Laufen-Kommens“ hinausgeht.
Eventuell werden die Programme in Zukunft besser darauf abgestimmt, bis dahin ist deutlich mehr Selbstreflexion durch den Anwender von Nöten.
In meinem genannten Beispiel mit Chat-GPT werden vielfältige Trainingsprogramme und auch sehr weit gefasste Tempobereiche (lockerer Lauf mit 30sec/km Bandbreite) angegeben, die zwar nicht falsch, aber für wenig erfahrene Sportler vermutlich sehr verwirrend sind.

Typische Probleme, die ich beobachten konnte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit):
•  Das Aufwärmen fällt oft zu kurz aus, beziehungsweise wird nicht ausreichend dessen Wichtigkeit erklärt, was wiederum oft unnötigerweise zu Verletzungen insbesondere beim Laufen führt. Der Puls sollte dabei vor allem zu Beginn im unteren Grundlagenbereich liegen, die Sehnen und Gelenke möglichst schonend auf die nachfolgende Belastung vorbereitet werden. Je nach Alter sollte beim Laufen die Dauer mindestens 15min, für Sprints eher 20min betragen, schnellkraftbetonte Übungen wie Lauf-ABC sollten dabei erst gegen Ende (!) des Aufwärmens und keinesfalls unaufgewärmt erfolgen. Beim Radfahren dauert die vollständige Vorbereitung auf höhere Belastungen aufgrund des geringeren Anteils an involvierten Muskelgruppen etwas länger, dafür ist hier die Verletzungsgefahr deutlich geringer. Auch für ein Krafttraining sollte kardiovaskulär (also durch einen Ausdauersport) aufgewärmt werden, da alleiniges Mobilisieren oder leichtere Gewichte zu Beginn zu keiner ausreichenden Erhöhung der Körpertemperatur führen.
•  Der Maximalpuls ist den meisten Sportlern nicht bekannt, beim Trainierten wird dieser auch (vor allem im Training) praktisch nicht mehr erreicht.
•  Messfehler (Puls/GPS) werden oft nicht erkannt, genauso führen ungünstige Wind- oder Temperaturbedingungen zu frustrierenden Trainingsanalysen sowie oft zu falschen Trainingsvorgaben für die Zukunft.
•  Der Fokus liegt rein auf messbaren Parametern, nicht aber auf Bewegungsqualität (Lauftechnik, Fahrtechnik am Rad, Ausführung und Individualisierung von Kraftübungen). Auch die Materialberatung oder Information hinsichtlich (Sport-)Ernährung ist (wenn überhaupt) eingeschränkt und nicht individuell möglich.
•  Nicht aufgezeichnete Aktivitäten führen zu einer teils komplett falsch eingeschätzten körperlichen Belastung und damit Verzerrung der nötigen Regeneration.
•  Zielsetzungen werden allein vom Sportler gesetzt, unabhängig davon, ob diese realistisch und mit akzeptabel geringer Verletzungsgefahr umsetzbar sind. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Ziele immer vom Sportler selbst gesetzt werden sollten, allerdings ist eine Aufklärung und Lenkung sinnvoll, so ansonsten Frustration oder gesundheitliche Probleme absehbar sind. Bei wettkampforientierten Sportlern ist eine sinnvolle Wettkampfplanung das notwendige Grundgerüst für eine erfolgreiche Trainingsgestaltung.
•  Eine Vermischung unterschiedlicher Ziele wie beispielsweise Leistungssteigerung auf der einen und Gewichtsabnahme auf der anderen Seite wird nicht ausreichend berücksichtigt. Auch Empfehlungen zu sinnvollen Alternativsportarten bleiben aus (wieviel Krafttraining vs. beispielsweise Yoga ist für welchen Athletentyp sinnvoll, wie können individuelle Vorlieben diesbezüglich berücksichtigt werden?)
•  Man trainiert meist das gut und gern, was man gut kann. Das kann zur Zielsetzung passen, tut es aber nicht immer. Hier ist eine persönliche Aufklärung schwer zu ersetzen.
•  Der zeitliche Rahmen wird ebenso vom Sportler vorgegeben, ein Abgleich mit den Zielsetzungen erfolgt in der Regel nicht oder nicht ausreichend. Auch ein unnötig intensives Trainingspensum, das eher zur Verschlechterung führt, wird oft ungenügend abgefedert.
•  Noch problematischer wird es bei auftretenden Problemen wie terminlichen Problemen, Infekten oder Schmerzen. Hier ist neben einer guten Abstimmung zwischen Sportler und Trainer eventuell auch notwendig, externen Rat (beispielsweise Physiotherapie) hinzuzunehmen.
•  Grundbedingungen für eine gute Trainingsadaption wie Freude am Sport, ausreichend Regeneration und vor allem auch eine gute Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen werden (noch) nicht abgefragt. Hier ist insbesondere Schlaf- und Eiweißmangel zu nennen, aber auch ein entsprechend den sportartgemäßen Referenzwerten (!) analysiertes Blutbild (Eisenstoffwechsel, aber auch Vitamin D, B12, Folsäure) zu nennen.
•  Die fehlende menschliche Interaktion mit einer realen Person kann gewünscht sein, hier stellt sich aber auch die Frage, ob man eventuell etwas (unbewusst) „verstecken“ möchte, das ein Trainer erkennen könnte (bis hin zur Sportsucht). Oft erkennt man selbst bei einem kurzen Gespräch (besonders, wenn ein Trainer viel Erfahrung mit unterschiedlichen Sportlern hat), was für ein Sportlertyp vor einem steht. Darauf einzugehen, ist eine der großen Stärken einer persönlichen Beziehung. Gibt man fünf Personen dasselbe Trainingsprogramm auf, so wird unter Umständen die Umsetzung fünfmal leicht bis sogar deutlich unterschiedlich ausfallen. Dieser „Offset“ bei der Interpretation muss beachtet werden, um am Ende ein für den Sportler (!) positives Ergebnis zu bewirken. So können beispielsweise Pulsgrenzen einmal „strenger“ und einmal lockerer gefasst werden oder die Intensitätssteuerung rein über Tempo statt Puls angelegt werden. Mitsprache des Sportlers bei gleichzeitig sinnvoller Lenkung je nach momentanen Bedürfnissen ist hier der große Unterschied zu automatisch generierten Trainingsplänen.

Grundsätzlich gibt es natürlich noch mehr Punkte, die Sportler an einer realen Trainerbeziehung schätzen, aber das ist nicht Inhalt dieses Artikels – denn es hat durchaus (valide) Gründe, sich eben für eine rein softwaregestützte Trainingsplanung und gegen eine „echte“ Trainerperson zu entscheiden.
Die genannten Stolperfallen sollten jedenfalls im Hinterkopf behalten werden.

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