Camino de Santiago II - von Madrid bis Finisterre

Letztes Jahr habe ich den Erfahrungsbericht vom Jakobsweg leider ausgelassen, damals ging es mit dem MTB von Ronchesvalles aus den französischen Weg entlang nach Santiago de Compostela. Dieses Mal wurde der Weg immer noch mit dem Bike absolviert, allerdings von Madrid aus bis nach Segovia und dann wurde sozusagen „Jakobsweg gewechselt“ und ein anderer Wegverlauf mit dem Bus angesteuert um von dort an die Reise weiter nach Santiago und darüber hinaus bis ans „Ende der Welt“, Finisterre, zum Westkap an der Atlantikküste anzutreten.

Sonntag Abend ging mein Flug von Wien nach Madrid und nach vielen Erlebnissen mit der Fluglinie Iberia konnte ich meinen Erfahrungsschatz wieder einmal erweitern – diesmal den Radkoffer betreffend. Nach gewisser Diskussionsdauer und –intensität stand dann allerdings doch fest, dass ich und sogar auch noch mein Rad am selben Abend mit nur halbstündiger Verspätung das gewünschte Ziel erreichen werden. Dies wiederholte sich übrigens beim Rückflug, dann sogar mit Sprachbarriere …

Montag Früh ging es dann auch schon los – hektisch das Rad ausgepackt und zusammengebaut, musste ich feststellen, dass die hintere Bremsscheibe völlig verbogen war und sich das Hinterrad kaum drehen ließ. Die Stimmung war im Keller, aber Gott sei Dank bin ich wieder einmal in einer wirklich tollen Gruppe gelandet und so war Hilfe schnell zur Stelle, in diesem Fall von Volker, dem Inhaber des Radlcenters Zittau. Mit der Zange hat er bissl herumgewerkt und schon war mein Rad für die nächsten Tage fahrbar.
Dann wurde der spanischer Radkollege Luis an einer kleinen Kirche abgeholt, an der wir auch unsere Pilgerpässe ausgehändigt bekamen.

Die Etappe selbst war sehr fein zum Einstieg, immer auf und ab und genügend Gelegenheit, die anderen Mitfahrer ein bisserl kennenzulernen. Wir waren zwei Wiener (ein lieber Freund, Hansi, und ich) und sechs Radler aus Deutschland, Volker, Norbert, Micha, Walter, Frank und Sandra. Am Anfang der Tour waren auch noch spanische Kollegen dabei, die dann nach und nach aus terminlichen Gründen „aufgaben“.
Die Nicht-Ortsansässigen mussten sich jedenfalls erst auf die geänderten Essenszeiten einstellen, die Tatsache, dass es in Spanien um zwölf nirgends etwas zu Futtern gibt, hat am ersten Tag fast eine Meuterei ausgelöst. Allerdings war ich darauf schon vorbereitet und so sollte mir das ungewohnte Essen erst gegen Ende der Tour Probleme machen.
Wettermäßig hatten wir die ganze Woche über riesiges Glück, am Tag war es in der vorletzten Septemberwoche sehr warm bis heiß (über 30°C), in der Früh und am Abend schon sehr kühl (6°C um 10Uhr …), nur weiter am Meer dann etwas milder.

Etappe I: Madrid – Cercedilla 68km, 1400hm, 5:15h
(trotzdem ist man mit Anschauen, Pausieren, Essen, Patschen flicken, etc. immer praktisch den ganzen Tag unterwegs).

Am zweiten Tag gab es zum Frühstück (am Bahnhof wohlgemerkt) „a Cola Light und a Croissant“ – also man merkt schon, das Essen war durchaus etwas „gewöhnungsbedürftig“ für eine doch nicht unanstrengende Radwoche.
Die Strecke an diesem Tag sollte nicht sehr lange werden, dafür wahnsinnig schön durch dichte Nadelwälder über einen Pass mit wunderbarer Aussicht auf die umgebende Hügel- und Berglandschaft. Wer sich unter Spanien nur Wüste vorstellt, wird enttäuscht. Allein, was die Natur an Früchten hergibt, ist beachtlich, täglich wurden wir mit Brombeeren, Äpfeln, Zwetschken, Feigen, Walnüssen, Maronis und anderem verwöhnt.
Verwunderlich für mich war schon an diesem Tag meine sehr gute Radform. Obwohl ich im Vorjahr fast 50% mehr trainiert habe (auch am Rad), konnte ich diesmal technisch wie körperlich fast mit den Besseren mithalten, vor allem bergauf. Einerseits habe ich mich mit meinem neuen MTB sehr gut angefreundet, andererseits hat mir der Gewichtsverlust aufgrund von weniger Training und damit weniger Muskelmasse, speziell am Oberkörper, wohl auch geholfen.
Nach der Abfahrt kamen wir dann in Segovia an, wo am Hauptplatz selbst mein Eishunger bei 4,90 Euro für zwei Kugeln vergeht. Dafür ist die Stadt wirklich sehenswert. Nach dem Mittagessen ging es dann weiter mit dem Bus nach Puebla de Sanabria.

Etappe II: Cercedilla – Segovia 39km, 750hm, 2:50h

Bis Mittwoch hat mein erster Patschen auf sich warten lassen und dann war es soweit. Bei einer steinigen Abfahrt hat mein Vorderradmantel ein Steinchen durchgelassen und ich musste Schlauch wechseln. Trotzdem war diese Tour mein absoluter Favorit, relativ lange und sehr anspruchsvoll (für meine Verhältnisse, wobei es mir technisch am Bike schon ganz gut geht) führte diese Etappe durch viele unterschiedliche Landschaften. Außerdem hat uns ein kurzer, unabsichtlicher Abstecher abseits des Jakobsweges einen wunderschönen Trail beschert.

Etappe III: Puebla de Sanabria – La Gudignia 59km, 1300hm, 5:15h

Donnerstag Früh habe ich mich dem Frühstück in der Lobby verwehrt, da mein von daheim mitgebrachtes Brot einfach attraktiver war. Die Tour war insgesamt nicht besonders überwältigend, dafür erholsam. Nur die Abfahrt zum Zielort hat „etwas“ länger gedauert – nach der Benutzung eines Dornenweges hatte fast jeder in der Gruppe in Minutenabständen über Luftverlust im Reifen zu klagen. Ansonsten gab es kaum technisch Anspruchvolles, genau das Richtige für einen netten Geburtstagsabend … da wurde dann im Parador von Verin ganz gut gegessen und die wunderbare Aussicht von der Burg über Stadt und Landschaft bis nach Portugal genossen.

Etappe IV: La Gudignia – Verin 38km, 750hm, 2:50h

Die nächste Etappe war wieder länger, schöner, anspruchsvoller. Und auch anstrengender. Insgesamt gesehen würde ich sie als zweitschönste Tour sehen.

Etappe V: Verin – Ourense 73km, 1100hm, 4:55h

Zwei lange Etappen hintereinander waren zu absolvieren und so hatten wir an diesem Tag fast 80km mit vielen Höhenmetern vor uns. Ganz am Schluss begann es sogar erstmals auf dieser Reise leicht zu tröpfeln, aber wenige Minuten später erreichten wir auch schon das  (Wellness)Hotel.
Dieses entbehrte auch nicht einer gewissen Kuriosität, denn das Superior-Zimmer, das mir zur Verfügung gestellt wurde, hatte auch ein Superior-Bad mit einer Superior-Massagedusche. Was nicht ganz so superior war, war die Tatsache, dass die Bedienungsanleitung für die besagte Dusche nicht vorhanden, und dafür eine andere (wenig hilfreich) zur Verfügung stand. Dies bescherte ein Duscherlebnis der besonderen (kalten) Art. Entnervt habe ich dann in die Badewanne gewechselt und wurde dort nach einem harten Radtag wiederum von – kaltem – Wasser empfangen, das jedoch in perfekter Synchronisation mit meinem Kopfshampoo einfach versiegte …
Die Tour selbst war schön und anstrengend zugleich und zum ersten Mal in diesen Tagen erreichte ich meine körperlichen und geistigen Grenzen. Am Schluss tat dann schon wirklich jeder Meter weh und man wünschte sich das Reiseziel sehnlichst herbei.

Etappe VI: Ourense – Silleda 78km, 1750hm, 6:05h

Die letzte Pilgeretappe führte uns natürlich nach Santiago de Compostela, diesmal auf etwas anderer Route ohne nennenswerte Berge am letzten Stück. Damit war auch diese Etappe wieder sehr leicht und locker, allerdings hatte ich seit dem Vorabend doch ziemlich mit Magenproblemen zu kämpfen.
Santiago ist eine hübsche und sehr lebendige Stadt, allein die Ankunft am Platz der Kathedrale ist überwältigend. So viele Emotionen schwirren in der Luft herum, Erleichterung und Erschöpfung ist den zahlreichen Pilgern nach zum Teil monatelanger Reise zu gleichen Teilen anzusehen. Auch beim zweiten Male des Erlebens ist der Eindruck nicht weniger stark, immerhin hat man auch selbst in den letzten Tagen oft genug nach dem Sinn der ganzen Unternehmung gesucht und vielleicht nicht immer sofort gefunden.

Etappe VII: Silleda – Santiago 42km, 800hm, 3:00h

Die allerletzte Etappe am Montag ging dann bis zum Meer, allerdings habe ich diese aufgrund meiner Magenprobleme nicht mehr in Angriff genommen und konnte dafür im Bus reisen.
Allerdings ließ ich mir die Fahrt (mit dem Rad) nach Finisterre, bis ganz zum Kap an die Steilküste und zum Leuchtturm, nicht entgehen. Das war gefühlsmäßig dann wirklich nicht nur das wörtliche „Ende der Welt“ sondern Abschluss einer wunderbaren Reise in einer tollen Gruppe.
Insgesamt gesehen war die Tour deutlich kürzer als letztes Jahr, weniger Etappen, weniger Kilometer. Dafür fand ich sie technisch anspruchsvoller, schöner und meine Radkollegen waren zum Teil sogar der Meinung, diesmal wäre es härter gewesen – vielleicht bin ich doch besser in Form, als gedacht? Jedenfalls fiel mir nur eine Tour gegen Ende recht schwer, ansonsten ging es wirklich immer gut. Ich würde jedenfalls jedem solch ein Erlebnis weiterempfehlen, sei es nun der Jakobsweg oder eine Transalp Tour. In der Gruppe traut man sich am Bike einfach mehr zu und es wird nie langweilig. Bei kleinen Hängern denkt man auch nicht ans Aufhören, denn man muss ja das Tourenziel erreichen. Das alles macht es insgesamt schon zu einem wirklich tollen Erlebnis!

Tour insgesamt: 397km, 7850hm, 30:10h in sieben Etappen

 

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